Archiv – die meisten haben dabei sofort einen geheimen Ort im Kopf, den niemand betreten darf und in dem es ganz schön staubig ist. Beides trifft auf unser Stadtarchiv nicht zu: Für die Sauberkeit ist bestens gesorgt und auch ansonsten handelt es sich um eine öffentliche Stelle, die prinzipiell von jedem betreten werden darf.
Unsere Bestände sind bis zu 400 Jahre alt und immer wieder stolpert man über spannende Unterlagen, die entweder besonders alt sind, eine spezielle Form haben oder uns viele Details über den früheren Alltag in unseren Stadtteilen verraten. Material genug, um an dieser Stelle in Zukunft monatlich die interessantesten Archivalien zu präsentieren.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Brandschutz in Nellingen immer schwieriger: Fliegerangriffe nahmen zu, Gebäude brannten und der Feuerwehr fehlten immer mehr Männer, die zur Wehrmacht eingezogen worden waren. Allein in Nellingen waren 30 Feuerwehrleute nicht mehr verfügbar. Im Januar 1943 wurde deshalb angeordnet, auch Frauen bei der Feuerwehr aufzunehmen.
Als Ausbildungsort von „möglichst tatkräftigen“ Frauen in Württemberg wurde Nellingen a. d. F. gewählt. Ausgerüstet wurden sie mit Schutzanzügen, Gummistiefeln und Haarnetzen. Ganz überzeugt war man von der Idee aber offenbar nicht: Der Landesbranddirektor schrieb in seiner Anordnung nur von einer „versuchsweisen“ Ausbildung.
Doch schon bald waren die Frauen bei Fliegerangriffen im Einsatz. Als im November 1943 hunderte Brandbomben auf Nellingen fielen, trug die Frauengruppe maßgeblich dazu bei, dass sich die Brände nicht weiter ausbreiteten. Bei ihrer Entlassung am 9. September 1945 dankte Bürgermeister Kirchner den Frauen daher herzlich für ihre aufopfernde Arbeit und bat sie, der verbleibenden Wehr auch bei künftigen Ernstfällen weiter zur Seite zu stehen. Spätestens da dürfte klar gewesen sein: Diese Feuerwehrfrauen waren kein Experiment, sondern eine handfeste Verstärkung.
Recycling ist tatsächlich keine Erfindung der Neuzeit: Schon vor 300 Jahren wurden Dinge, die nicht mehr gebraucht waren, für einen neuen Zweck genutzt. Zwar ist unser ältestes Schriftstück im Stadtarchiv ein Bürgerbuch aus Kemnat aus dem Jahr 1616. Wer aber genauer in die Regale mit den Bänden aus Scharnhausen schaut, findet dort ein Buch mit besonderem Einband. Er besteht aus einer Pergamentseite, die bereits vor etwa 600 Jahren beschrieben wurde.
Der lateinische Text auf der Vorderseite stammt aus einem liturgischen Gebet, das beim Abendmahl gesprochen wurde. Auf der Rückseite findet sich ein Teil aus dem Lukasevangelium. Beide Texte zeigen, dass das Pergament ursprünglich zu einem Buch gehörte, das im Mittelalter für die Gottesdienste genutzt wurde.
Im 17. Jahrhundert brauchte man es offensichtlich nicht mehr. Mit der Reformation hatten sich auch die Gottesdienste verändert: Zum Beispiel wurde deutsch gesprochen, damit die Kirchgänger den Worten folgen konnten. Zum Entsorgen war das Buch aber zu schade. Pergament war aufwändig herzustellen und daher wertvoll. Aus diesem Grund erhielt zumindest ein Teil davon einen neuen Nutzen und wurde als Einband für ein Verwaltungsdokument wiederverwendet. Ein schönes Beispiel dafür, dass Recycling keine moderne Idee ist.


Im vergangenen Jahr feierte die Stadt Ostfildern ihr 50-jähriges Bestehen. Nachdem sich die vier Gemeinden Kemnat, Nellingen, Ruit und Scharnhausen im Jahr 1975 zusammengeschlossen hatten, folgte im Jahr darauf noch eine weitere wichtige Veränderung: Am 1. Juli 1976 wurde die Stadt Ostfildern zur „Großen Kreisstadt“ erhoben.
Durch den Zusammenschluss lebten plötzlich mehr als 20.000 Menschen in der Stadt, was eine der Voraussetzungen dafür war, den Status einer Großen Kreisstadt zu erhalten. Damit änderte sich einiges für Ostfildern: Der damalige Bürgermeister Gerhard Koch erhielt den Titel „Oberbürgermeister“ und wurde mit 31 Jahren zum damals jüngsten Oberbürgermeister Deutschlands. Außerdem bekam die Stadtverwaltung neue Aufgaben und mehr Verantwortung, wie etwa ein eigenes Baurechtsamt oder ein erweitertes Ordnungsamt.
Beim Festakt am 19. Juni 1976 in der Nellinger Stadthalle überreichte der Innenminister von Baden-Württemberg, Karl Schiess, die Urkunde an Gerhard Koch. Drei weitere Tage lang gab es gut besuchte Veranstaltungen, Ausstellungen und Vorführungen mit Musik und Bewirtung. Und nicht nur Ostfildern hatte damals Grund zum Feiern: Am 1. Juli 1976 wurden auch Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen zu Großen Kreisstädten ernannt.
Ein besonders spannender Bestand im Stadtarchiv sind die Scharnhauser „Ausschellbücher“ (zwölf Bände aus den Jahren 1905 bis 1955). Darin wurde festgehalten, was der Amtsdiener oder „Büttel“ den Einwohnern öffentlich verkünden musste. Mit seiner Glocke, der sogenannten Ortsschelle, zog er durchs Dorf und rief Neuigkeiten aus. Die Einträge erzählen vom Alltag auf dem Land: vom Schulbeginn nach den Sommerferien, offenen Steuerzahlungen oder den Sprechstunden des Bürgermeisters. Gleichzeitig spiegeln sie aber auch die großen Ereignisse der Zeit wider.
Besonders eindrucksvoll sind die Bekanntmachungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Hin und wieder wurden Veranstaltungen der NSDAP angekündigt: Im Dezember 1941 etwa riefen die Nationalsozialisten zu einer Großkundgebung im Gasthaus Hirsch auf, explizit erwünscht war die Teilnahme auch von Frauen. Immer häufiger ging es außerdem um die Ausgabe von Lebensmittelkarten oder Materialsammlungen für die Soldaten an der Front.
Als im April 1945 die alliierten Truppen näher rückten, änderte sich der Ton bei den Bekanntmachungen drastisch: Die Menschen durften nicht mehr auf die Straßen und Felder, sollten Fenster wegen naher Sprengungen geöffnet lassen und sich „luftschutzmäßig“ verhalten. Am 27. April wurde die Bevölkerung angewiesen, alle Gebäude mit einer weißen Flagge zu versehen, alle nationalsozialistischen Zeichen zu entfernen und deutsche Soldaten auf dem Bürgermeisteramt zu melden. Am 2. Mai wurde offiziell verkündet: „Die Gemeinde Scharnhausen steht ab sofort unter der Kontrolle der Militärverwaltung in Deutschland.“ Kaum eine andere Quelle vermittelt einen so unmittelbaren Eindruck davon, wie Weltgeschichte direkt im Dorf ankam.
1955 endete schließlich die Tradition des „Ausschellens“. Die letzte Bekanntmachung verkündete, dass Informationen künftig im gemeinsamen Amtsblatt von Ruit, Kemnat und Scharnhausen erscheinen würden – für 55 Pfennig im Monat.

Der „Lageplan“ der Esslinger Straße in Nellingen aus dem Jahr 1903 wurde angefertigt, weil die Straße verbreitert werden sollte. Der Grund dafür war zunehmend „lebhafter Verkehr von Menschen und Fuhrwerken“, wie es in einem beiliegenden Dokument heißt. Darin wurde darauf hingewiesen, dass ein Weg für Fußgänger notwendig geworden war, „namentlich aber von schwerhörigen und kurzsichtigen, deren Leben bei dem starken Verkehr von Fuhrwerken aller Art bisweilen schon in Gefahr stand.“ Überraschend ist die Form des Plans: Er ist eigentlich als Buch gebunden, lässt sich aber ausklappen und erreicht vollständig entfaltet mehr als zwei Meter Länge. Am Straßenrand sind die einzelnen Flurstücke eingezeichnet, ebenso wie die Häuser, die zu diesem Zeitpunkt dort standen. Dicht bebaut war die Straße damals noch nicht, im Plan sind nur 19 Gebäude zu sehen.
Obwohl für Planungszwecke eigentlich nur die Straße gezeigt werden sollte, lernen wir auch ein Stück weit die Grundstücksbesitzer kennen. Sie werden nicht nur namentlich genannt, sondern auch ihre Berufe stehen dabei. Bauern und Maurer kommen am häufigsten vor, aber es finden sich auch Bäcker, Schreiner und Schuhmacher sowie vereinzelt Fabrikarbeiter. Wir erfahren außerdem, dass es in Nellingen einen Holzbildhauer sowie einen Schriftsetzer gab, dass der Stadtbote 1903 Christian Metzger hieß und dass Gottlieb Bauer nicht nur Maurer war, sondern auch als Soldat diente.
Eine gute Vorstellung von der Straßensituation bekommen wir über kleine Zeichnungen: Auf den Kreuzungen zur Wilhelmstraße sowie auf der Kreuzung zwischen Nellingen und Berkheim stand jeweils ein Baum (oder anderes pflanzliches Gewächs) – beim heutigen Verkehrsaufkommen wäre das undenkbar. Der Lageplan verrät uns außerdem die Straßensituation von 1903, die noch anders war als heute. Die Kaiser- und die Wilhelmstraße gab es bereits. Nicht vorhanden, sondern nur geplant war damals die Hindenburgstraße, die ursprünglich Karlstraße hieß. Der Plan, diese Straße anzulegen, bestand zu dem Zeitpunkt schon ein paar Jahrzehnte, und es sollte noch bis in die 1920er Jahre dauern, bis die heutige Hindenburgstraße existierte.

Ein Blick in die Findbücher unserer Archivbestände lohnt sich. Dort sind die ältesten Unterlagen der Stadtgeschichte bis ins Jahr 1974 zu finden.