KW47_Stolperstein

Der Künstler Gunter Demnig hat in Ruit zwei Stolpersteine zur Erinnerung an Ernst Illi und Albert Fritz verlegt. Beide wurden während der Zeit des Nationalsozialismus ermordet.

„Die Stolpersteine geben uns die Gelegenheit, zwei Menschen aus Ruit und ihre Schicksale in die Öffentlichkeit zu rücken, ihnen Name, Gesicht und Geschichte zu geben“, sagte Erster Bürgermeister Rainer Lechner während der Verlegung von zwei Stolpersteinen in der vergangenen Woche im Kirchgässle und in der Kirchheimer Straße in Ruit.

Der Künstler Gunter Demnig hat seit dem Jahr 1992 rund 96.000 Stolpersteine in Deutschland und etlichen weiteren europäischen Ländern in den Asphalt eingelassen oder in das Straßenpflaster eingesetzt. Jeder einzelne dieser Steine erinnert an ein ziviles Opfer des Nationalsozialismus – an Widerstandskämpfer und politisch Missliebige, an Juden, an Homosexuelle, an Sinti und Roma, an seelisch oder körperlich Behinderte, die verschleppt und ermordet wurden. Die Pflastersteine werden meist vor den früheren Wohnhäusern der Opfer verlegt. Auf die Steine ist jeweils eine Messingplatte aufgesetzt, in die Demnig die Namen und einige Angaben zum Schicksal der Ermordeten eingeschlagen hat.

Mit der Verlegung der Stolpersteine helfe Gunter Demnig, die Erinnerungskultur in der Stadt zu pflegen, sagte Lechner. „So können wir diese beiden Opfer des Nationalsozialismus aus Ruit ehren und die Erinnerung an ihre Geschichte wachhalten.“

Auf eine Initiative des Stadtarchivs Ostfildern und des Künstlers Klaus Illi aus Ruit hin verlegte Gunter Demnig nun Steine für zwei zivile Opfer des Nationalsozialismus in Ruit. Einer davon erinnert im Kirchgässle an Ernst Illi, der wegen seiner psychischen Erkrankung im Jahr 1940 nach Grafeneck gebracht und dort ermordet wurde. Wie Stadtarchivar Jochen Bender recherchierte, wuchs der im Jahr 1899 geborene Ernst Illi im Kirchgässle auf. Im Jahr 1916 wurde er im Alter von 17 Jahren zum Militär einberufen. „Auf einem Foto aus der Zeit schaut er nicht zuversichtlich, sondern ängstlich“, erzählte Bender. Illis Erlebnisse im Krieg müssen schlimm gewesen sein, denn nach seiner Rückkehr bekam er psychische Probleme. 1920 wurde er mit der Diagnose Schizophrenie in die Nervenklinik Tübingen aufgenommen, 1922 schließlich in die Heilanstalt Winnental nahe Winnenden eingewiesen. Dort blieb Ernst Illi 18 Jahre lang. „Über sein Leben dort wissen wir fast nichts. In der Familie wird erzählt, dass sich seine Erkrankung nach 1933 verschlimmerte, weil er sich so über die Nazis geärgert hat“, berichtete Bender. Am 3. Juni 1940 schließlich wurde Ernst Illi laut der erhaltenen Akten in die Anstalt Grafeneck bei Gomadingen „verlegt“. Dort hatten die Nazis eine Einrichtung zur systematischen Ermordung von Menschen mit seelischer, geistiger oder auch körperlicher Behinderung aufgebaut, in der innerhalb weniger Monate mehr als 10.000 Menschen getötet wurden.

Ernst Illi wurde mutmaßlich noch am Tag seiner Einlieferung dort ermordet. Die Angehörigen wurden drei Wochen später per Brief darüber informiert, dass Illi wegen eines epileptischen Anfalls gestorben sei. Seine Urne wurde vermutlich auf dem Anstaltsfriedhof Grafeneck beigesetzt.

Der zweite Stein wurde in der Kirchheimer Straße in das Pflaster vor dem früheren Gasthaus Löwen eingelassen. Er erinnert an den Löwenwirt Albert Fritz, der im April 1945, elf Tage vor der Befreiung Ruits durch französische Truppen, in der Gaststube vom NSDAP-Ortsgruppenleiter wegen angeblichen Hörens eines „Feindsenders“ erschossen wurde. Nach den Recherchen des Ruiter Künstlers Klaus Illi hatte der Ortsgruppenleiter, der nur wenige Häuser vom Löwen entfernt wohnte, den Löwenwirt nächtens „in ideologischem Fanatismus“ im Streit getötet. Fritz‘ Frau Lina wurde verhaftet und mit der Auflage, über den Vorfall zu schweigen, später freigelassen. „Die Tat ist das einzige bekannte politische Gewaltverbrechen im nationalsozialistischen Ruit“, sagte Klaus Illi.

Der Ortsgruppenleiter wurde 1947 vor Gericht gestellt und zu sechs Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt, von denen er drei Jahre absitzen musste. Albert Fritz wurde auf dem Friedhof Ruit beigesetzt, sein Grabstein erinnert an ihn als Opfer des Nationalsozialismus.

24. November 2024