Hindenburgstraße

Die Hindenburgstraße in Nellingen erstreckt sich von der Esslinger Straße im Osten bis zur Rin­nen­bachstraße im Westen. Sie gilt als Ost­filderns Hauptgeschäfts­straße, die Flaniermeile mit attrakti­ven Einkaufsmög­lich­­keiten und vielfäl­ti­gen Dienstleis­tungsange­bo­ten. Die Hindenburgstraße ist nicht nur eine bekannte Einzelhandelsadresse für die Bewohner aller Stadtteile Ostfilderns, sondern auch für vie­le Bürger aus Berkheim, Zoll­berg und Denken­dorf. Die Hindenburgstraße soll in den nächsten Jahren mit einem breit angelegten Beteiligungsprozess der Bürgerschaft unter der Regie der städtsichen Sanierungs- und Entwicklungsgesellschaft im Zuge der Stadtteilerneuerung saniert werden.

 


Straße im Wandel

An der Geschichte der Hindenburgstraße lässt sich die Ent­wicklung Nellingens vom Fil­derdorf zum aufstrebenden, modernen Stadtteil nachvollziehen. Wo heute die Hindenburgstraße verläuft, fand man im vergangenen Jahr­hundert nicht einmal einen Feldweg, sondern Wiesen und Äcker der Nellinger Bauern. Der alte Ortskern um die Wil­helmstraße war einige hundert Meter entfernt. Die Idee, eine Straße auf die grüne Wiese zu bauen, wurde bereits 1875 in einem weitblickenden Ortsbauplan mit rechtwinkli­gem Straßenraster dokumen­tiert. Als "Karlstraße" sollte die Straße pa­ral­lel zur Kai­serstraße das Dorf nach Norden hin erweitern. In den 1920er-Jahren wurde der Plan verwirklicht. 1933 wurde die Karlstraße in Hinden­burgstraße umbenannt. 1938 war sie als neuer Autobahnzubringer ausgebaut. "Eine schöne und breite Durchgangs­straße", schwärmte man da­mals.

Aus dem Schwärmen wurde bald ein Stöh­nen, denn der wirt­schaftliche Aufschwung seit den 1960er-Jahren brachte eine Verkehrsbelastung mit sich. Mit der Einstellung des Straßenbahnbetriebs im Jahr 1978 war Platz geschaffen zur Umgestaltung der Hindenburgstraße, wie wir sie heute kennen. 1983 feierten die Bürger die baumbestandene Hauptgeschäftsstraße. Eine sehr stark befahrene Durchgangs­straße ist sie im­mer noch. Die Eröffnung der Ostumgehung 1995 brachte lediglich eine kurzfristige Verkehrsberuhigung.


An der Halle

In der Verlängerung der Hinden­burg­stra­ße erstreckt sich das Zentrum an der Halle. Bei der Eröffnung 1989 war es mit 35 Millionen Mark Baukosten das bis dahin größte Bau­projekt der noch jungen Stadt. Architekt war der Stuttgarter Sven Kohlhoff. Architektonischer Mittel­punkt und Namensgeber ist die 68 Meter lange und rund 14 Meter breite, offene Halle. Mit ihrem Zollingerdach erinnert sie an die einstigen Wagenhallen der Straßen­bahn END.

Hier gehen kulturelle, soziale und gewerbliche Inter­essen Hand in Hand: Man kauft ein, schlendert über den Wochenmarkt oder sitzt im Café. Volks­hoch­schule, Musikschule und Vereine haben hier genauso ihre Heimat wie der Treffpunkt und betreute Alten­woh­nungen. Der Gemeinderat verfügt über Sitzungssaal und Frak­tionszimmer. Die Bürger sind stolz auf einen professionell ausgestatteten Theater­saal.


Straßenbahn auf den Fildern

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts gab es Pläne, die Filder über Schienen an Stuttgart oder Esslingen anzuschließen. Bei der Anbindung der östli­chen Filder an die Stadt Esslingen be­stand dringender Handlungs­bedarf, denn die vielen Arbeiter aus den Filder­dörfern mussten jeden Tag zu Fuß zu ihren Fabriken im Neckartal gehen. 1926 wurde die elek­trische Straßenbahn Esslingen-Nellingen-Denkendorf (END) in Betrieb genommen. 1929 erweiterte man die Straßen­bahntrasse von Nellingen über Scharnhausen nach Neuhau­sen. Bereits 1927 zählte man weit über eine Million Fahrgäste. Die Straßenbahn fuhr auch noch in der Nachkriegszeit auf Erfolgs­kurs. 1959 sorgten zirka 20 Trieb- und Beiwagen für eine reibungslose Per­sonen­be­förderung. 

Der ansteigende Indiviualverkehr machte der Straßenbahn zunehmend den Rang streitig. Zudem musste die alte END dringend saniert werden. Die Gesellschaf­ter freundeten sich immer mehr damit an, den Betrieb der Straßenbahn zugunsten des fle­xibleren Bus­verkehrs zu beenden.1978 kam gegen den Willen der Stadt Ostfildern das endgültige Aus für die Straßenbahn.


Evangelische Kirche

Die ursprünglich spätromanische Kirche wurde 1749 durch einen Sturm stark be­schädigt. 1777 er­folgte der Abriss des Kir­chen­schiffs und die barocke Neu­erbauung in der heuti­gen Gestalt.

Der Gemeindesaal zwischen Props­tei­gebäude und Kirchturm wurde 1926 an­gebaut. Damals erfolgte auch eine Neugestaltung des Kirchen­raums. Ver­ant­wortlich für die eigenwillige Farbgebung und das von der neuen Sach­lichkeit inspirierte Gestühl war der Archi­tekt Professor Mar­tin Elsässer. 1995 wurde die Kirche grundlegend renoviert.


Romanischer Kirchturm

Um 1220 ließ das Kloster Sankt Blasien in Nellingen eine Kirche im spätromanischen Stil erbauen. Deshalb ist die Kirche St. Blasius geweiht. Der erhaltene Kirchturm weist rheinische sowie elsässi­sche Einflüsse auf. Er ist das älteste original erhaltene Bauwerk in Ostfildern.

Der Turm ruht auf einem fast quadratischen Sockel. Ein Fries aus versetzt hervorstehenden Bau­steinen markiert den oberen Abschluss des vierseitigen Turmabschnitts. Ein kleiner Dachvorsprung bildet den Übergang zum achteckigen Grundriss. Die vier Evangelis­ten­symbole wurden vermutlich anlässlich der Reno­vierung im Jahr 1926 angebracht. Es sind dies der Mensch für Matthäus, der Löwe für Markus, der Stier für Lukas und der Adler für Johannes.

Die beiden Rundbogenfenster auf der Süd- und Nordseite der Glocken­stube sind mit zierlichen Rundsäulen und Würfel­kapitellen als Zwillingsfenster strukturiert. Auf dem Zeltdach, das sich in die acht­eckige Struktur des Obertur­mes einfügt, befinden sich in einer goldenen Kugel geschichtliche Auf­zeichnungen über die Gemeinde Nellingen. Darüber thront der goldene Wetterhahn auf schmiedeeisernem Kreuz. Die kunstgeschichtliche Literatur schildert den Nellinger Kirchturm als reizendes und eigenartiges Bauwerk. Er gilt als der älteste unter den romanischen Kirchtürmen in Württemberg, die vom vierseitigen Unterbau in den achtseitigen Oberbau übergehen.


Propstei

Der Klosterhof in Nellingen bildet das umfangreichste historische Gebäudeensemble Ostfilderns. Neben der Kirche befindet sich das alte Propsteigebäude, dessen früheste Gebäudeteile aus den Jahren um 1500 stammen. Markant sind außerdem das alte Pfarrhaus aus dem Jahr 1565 mit seinem Fachwerk und der Fruchtkasten mit seinem auffallenden Staffelgiebel. Die alten Gebäude zeugen von einer bedeutenden Geschichte: Im Jahr 1120 hatte Anselm von Nellingen seine Güter dem Kloster St. Blasien geschenkt. Der kinderlose Ortsadelige hatte sich entschlossen, ins Kloster einzutreten - eine Entscheidung, die nicht nur für Nellingen über 500 Jahre lang weitreichende Folgen haben sollte.

Das Kloster St. Blasien errichtete in Nellingen eine Propstei, einen Stützpunkt, um den umfangreichen Besitz in der Region verwalten zu können. Auch in Scharnhausen und Ruit war St. Blasien erheblich begütert. In Ruit unterhielt das Kloster aus dem Schwarzwald einen Klosterfronhof, während die Württemberger die Herrschaftsrechte wahrnahmen.
1649 fiel die Propstei Nellingen mit ihrem Besitz im Tausch an die Württemberger. Darauf wurde im Klosterhof ein württembergisches Kameralamt etabliert, das dort bis 1836 existierte. So hatte Nellingen wieder eine zentralörtliche Funktion inne.


Riegelstraße

Die Riegelstraße ist eine der alten Straßen im histori­schen Dorf­kern. Noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es nur den süd­lichen Teil zwischen Wilhelm- und Hindenburgstraße. Wo heute der Abschnitt bis zur Ludwig-Jahn-Straße verläuft, waren da­mals noch die Riegelhofäcker, also Felder und Wiesen. Den Namen "Riegelstraße" führt die ortsgeschichtliche Literatur auf eine Stange oder Querholz zum Abriegeln des Dorfausgangs zu­rück. Die Schranke soll noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestanden haben. Ihr Standort ist aller­dings unbekannt. Der Name "Riegelstraße" könnte aber auch auf Steinriegel hinweisen, die in der Umgebung als Flurnamen über­liefert sind. Diese Riegel bestanden aus aufgehäuften Steinen, die aus den an­grenzen­den Feldern herausgelesen wurden. Dass die Riegelstraße in Richtung des Ge­wanns "Steinen" führt, macht diese Theorie plausibel.

Der alte Teil der Riegelstraße vermittelt heute noch einen Eindruck von der einst­maligen land­wirt­schaft­lichen Prägung des Ortes. Die Bauern­häuser verfügen meist über zugehörige Wirt­schafts­gebäude. Beim Schlendern durch die Riegel­straße kann man so man­ches architektonische Detail entdecken: Da ist etwa die interessante Schieferverblattung am Haus Nummer 2 zu betrach­ten. Die doppel­läufige Freitreppe des Hauses Nummer 9 gibt dem Ge­bäude ein beson­deres Flair. Der kleine Dreiecksgiebel an der Traufseite des Hauses Nummer 11 ist eigentlich ein herrschaftliches Attribut und lässt daher - wie übrigens auch der hohe Steinsockel - auf einen besonderen Status der Bewohner schließen. Die­ses Haus wurde 1820 nämlich von Schultheiß Jakob Mauz erbaut, der von 1813 bis 1848 amtierte. Sein Sohn Philipp Adam Mauz erbte nicht nur das Haus, sondern auch das Amt des Schultheißen, das er von 1870 bis 1883 inne hatte. Hinter dem rundbogigen Kellereingang an Haus Nummer 13 kann man einen tiefen Gewölbekeller vermuten, in dem im Laufe der Jahre wohl so manches Mostfass gelagert wurde. An Haus Nummer 17gibt es eine in­teressante Backsteinmusterung.