KW36_Karlheinz_Pfister

Die Stadt Ostfildern stellt ein Projekt zur Bildungsförderung von Kindern in schwierigen Wohnverhältnissen auf die Beine. Ein 53-jähriger Engagierter im Freiwilligendienst betreut das Angebot.

Die vergangenen Monate mit Schulschließungen und Unterricht zuhause haben das Lernen und die außerschulische Bildung besonders von Kindern aus armen Familien, die in den beengten Notunterkünften oder Anschlussunterkünften leben, massiv beeinflusst. In Ostfildern wird diesen Kindern nun eine Begleitung beim Lernen und der Freizeitgestaltung angeboten. Als Betreuer ist Karlheinz Pfister tätig, ein 53-jähriger Engagierter im Bundesfreiwilligendienst.

„Für die Kinder und Jugendlichen in den Familien war das Leben in den Notunterkünften oder Unterkünften der Anschlussunterbringung natürlich nie einfach. Aber mit der Fortdauer der Corona-Pandemie hat sich ihre Situation massiv verschärft“, berichtet Jörg Berrer, Leiter der städtischen Fachstelle für Wohnungsnot. Alexandra Karaspirou, Sachgebietsleiterin beim Sozialen Dienst der Stadt, berichtet, dass die Kinder enorm belastet sind. „Wir haben festgestellt, dass die Kinder still, aber massiv leiden. Und das Lernen teilweise zu viert mit nur einem Handy in einer kleinen, engen Wohnung funktioniert einfach nicht“, sagt sie.

Um auch diesen Kindern gute Bildung zu ermöglichen, wurde das Projekt „Lernräume“ entwickelt. Dafür wurden in zwei Unterkünften in der Stadt Räume ausgestattet, die den fehlenden Schreibtisch zuhause ersetzen und gleichzeitig Voraussetzungen schaffen sollen, dass eine gerechte Teilhabe an Bildungsmöglichkeiten gegeben ist. Dort soll konzentriertes Lernen mit individueller Unterstützung möglich sein. Durch regelmäßige feste Zeiten soll eine Wochenstruktur geschaffen werden, zudem ist Niederschwelligkeit durch die Nähe zu den Familien gegeben. Darüber hinaus sollen Spiel und Spaß, aber auch die Entspannung nicht zu kurz kommen. „Wir hoffen, dass die Räume zu einer Art Zentrum für die Kids werden“, sagt Berrer. Zwar gebe es mittlerweile viele Angebote für Kinder und Jugendliche, Versäumtes nachzuholen. „Aber wir brauchen mehr, wir benötigen Lernräume in einem weiteren Sinn, wir benötigen Angebote, die mit Spaß und Unterhaltung verbunden sind“, skizziert Berrer. „Lernen ist mehr als Schule“, stellt er klar.

Mit der Entwicklung des Konzepts kam Karlheinz Pfister ins Spiel. Der 53-Jährige, der im Scharnhauser Park lebt, hatte lange Zeit in leitender Position bei einem Großkonzern gearbeitet und beschlossen, „noch etwas anderes im Leben zu machen“, wie er sagt. „Die Gesellschaft hat mich unterstützt mit Ausbildung und Studium, ich möchte nun etwas zurückgeben“, erzählt er. So bewarb er sich als Freiwilligen-Dienstleistender, gemeinhin Bufdi genannt, bei der Stadt für einen Einsatz im sozialen Bereich. „Das ist außergewöhnlich, denn Bufdis sind meist junge Menschen, die sich nach der Schule orientieren wollen. Im Fall von Karlheinz Pfister hat es wunderbar gepasst“, sagt Berrer. Pfister hat nun einige Unternehmungen angeboten, um sich bei den Kindern bekannt zu machen. Parallel dazu ist er mit einer Reihe von Akteuren und Einrichtungen in der Stadt im Gespräch, mit dem Freundeskreis Asyl ebenso wie der Bürgerstiftung, der Kinder- und Jugendförderung (Kiju), den Eltern im Netzwerk Sprache plus Bildung oder dem Mentoring-Programm. „Wir haben viele offene Türen, viel Wohlwollen und schon einige ehrenamtliche Unterstützer gefunden“, erzählt Berrer.

Die benötigen Pfister und die „Lernräume“, denn schon die ersten Erfahrungen zeigen, dass die Aufgabe allein nicht zu schultern ist. Berrer setzt dabei auf das eng geknüpfte Netzwerk des bürgerschaftlichen Engagements in der Stadt. „Wir können Engagierten passgenaue, klar umrissene, sehr sinnvolle soziale Aufgaben anbieten. Das bietet viele Möglichkeiten.“

Nach der derzeitigen Auftaktphase wird das Projekt Anfang Oktober starten. Zum Schuljahresbeginn wird auch die Kooperation mit den Schulen intensiviert. Bis zum Sommer 2022 sollen die Erfahrungen ausgewertet sein, damit das Projekt in einen Regelbetrieb überführt werden kann.

11. September 2021