
http://www.ostfildern.de/Stein+f%C3%BCr+Stein+zum+Nachbarschaftshaus.html
In der Wohngemeinschaft „Lichtblick“ im dritten Obergeschoss des Nachbarschaftshauses im Scharnhauser Park werden ab Sommer 2012 neun Menschen mit Demenz wohnen. Mit viel Engagement setzt sich eine Gruppe Ostfilderner Bürger als „Gerüstbauer“ für die Realisierung der Idee ein, in einer 400 Quadratmeter großen Wohnung im dritten Obergeschoss des Nachbarschaftshauses im Scharnhauser Park die Wohngemeinschaft „Lichtblick“ für demenziell Erkrankte einzurichten.
Die „Gerüstbauer“ haben die unterschiedlichsten Motive, aber ein Ziel: „Wir wollen, dass die Demenzkranken in einer geschützten Gemeinschaft ihren normalen Alltag und ihre Talente leben können“, sagen sie. Die „Gerüstbauer“ sind im Moment dabei, einen Verein zu gründen. Viele komplexe Details galt und gilt es im Vorfeld zu klären, darunter auch rechtliche Fragen. Einer der Initiatoren ist der Jurist Gerhard Pietsch: „Es wird für die Wohngemeinschaft keinen Träger geben, der Verein bildet die Konstante, und die Angehörigen bilden zusammen die Auftraggebergemeinschaft. Aber in erster Linie sollen die Demenzkranken das Sagen haben, natürlich unterstützt durch ihre Angehörigen.“ Noch gibt es in Baden-Württemberg nur wenige Beispiele für diese Wohnform, in Freiburg oder Kirchheim etwa. Erleichtert und unterstützt wird die Realisierung in Ostfildern durch die Gradmann-Stiftung und die Stadt.
Jedes der Zimmer ist 20 Quadratmeter groß und unmöbliert, damit die Bewohner ihre eigenen Möbel mitbringen können. 60 Quadratmeter groß ist der Wohnbereich mit offener Küche. Dort können sich die Bewohner einbringen und mitwirken, bei leichten Hausarbeiten, beim Kochen und anderen vertrauten Tätigkeiten. Dort erleben sie Gesellschaft und Gemeinschaft. Die Demenzkranken werden sieben Tage pro Woche rund um die Uhr betreut. Es wird ein Zusammenwirken von hauptberuflichen Kräften wie Alltagsbetreuern, bürgerschaftlich Engagierten und von Angehörigen geben. Für Peter Stapelberg ist wichtig: „Diese ‚Pflege’ in geteilter Verantwortung auf Augenhöhe erfordert ein besonderes Denken.“ Erfahrungsgemäß benötigen Demenzkranke am Anfang nicht viel Pflege, sie sind meist körperlich fit. Sie haben Orientierungsschwierigkeiten, doch die Emotionalität und die Persönlichkeit, ihre Stärken und Wünsche sind nach wie vor da. Deshalb sollen die Bewohner ihren Alltag auch so individuell wie möglich leben können. Ein Ziel ist es auch, dass die Bewohner durch enge Kooperationen mit Hospizdienst und Palliativpflege bis zu ihrem Tod in der Wohngemeinschaft bleiben können.
Ein wichtiges Standbein von „Lichtblick“ ist nicht nur die Einbindung in die Hausgemeinschaft im Nachbarschaftshaus, sondern auch die aktive Mitarbeit der Angehörigen. Ermöglicht werden bis zu 20 Stunden Engagement pro Monat für die Gruppe, anrechenbar auf die Kosten des angehörigen Bewohners. Das kann auf unterschiedliche Art geschehen, auch durch Öffentlichkeitsarbeit oder den Aufbau und die Pflege eines Blogs im Austausch mit anderen WGs oder durch die Begleitung der Gruppe zum Einkaufen, ins hauseigene Atelier oder in den Demenzgarten. Die Kosten werden etwas höher ausfallen als in einer stationären Pflegeeinrichtung. Genaue Zahlen gibt es noch nicht, derzeit rechnen die „Gerüstbauer“ mit rund 100 Euro Mehrkosten. Jeder Bewohner zahlt unabhängig von der Pflegestufe den gleichen Grundbetrag. Pietsch: „Gewinn soll keiner erwirtschaftet werden und es soll keine Eliteeinrichtung werden.“ Ein wichtiges Ziel, sagte Minna Bylow-Schiele, ist die Entlastung der pflegenden Angehörigen. Sie weiß aus langjähriger Erfahrung, wie wichtig die persönliche Zuwendung für Betroffene ist. „Wir wollen gegenseitige Offenheit und eine lebendige Mitte leben.“
Gabriele Beck ist die Koordinatorin der Leitstelle für Ältere, Gesamtkoordinatorin für das Nachbarschaftshaus und als Moderatorin ebenfalls in die Realisierung von „Lichtblick“ eingebunden. Eine Angehörige formulierte ihr Interesse an der Wohngemeinschaft so: „Die Bewohner erfahren individuelle Fürsorge und Zuwendung und wir als Angehörige erhalten die Möglichkeit, uns aktiv bei der Betreuung einzubringen.“
Noch sind Zimmer frei in der WG „Lichtblick“: Im Januar wird es einen Informationsabend für Angehörige geben. Wer Interesse an einem persönlichen Gespräch hat, wendet sich am besten direkt an Gabriele Beck, Telefon 07 11 44 20 70, per Mail an Be-Leitstelle-Ostfildern@t-online.de oder an Peter Stapelberg, Telefon 07 11 3 41 19 65.