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Scharnhausen Akten (SA): Vorwort


Aus der Geschichte der Gemeinde Scharnhausen

Das älteste bekannte Zeugnis der Gemeinde Scharnhausen ist eine Urkunde aus dem Jahr 1242, die einen Ritter Konrad von Husen erwähnt. Seit 1283 ist der vollständige Ortsname überliefert, der auf den Ritter Walther, genannt Scharre von Husen, zurückgeht. Die Propstei Nellingen verfügte in Scharnhausen über einen großen Grundbesitz. Die Herrschaft Württemberg übte das Schutz- und Schirmverhältnis aus. 1590 fielen zahlreiche Gebäude in Scharnhausen einem Brand zum Opfer.

Nach der Übernahme der Propstei Nellingen durch die Württemberger im Jahr 1649 gehörte Scharnhausen endgültig zu Württemberg. Nach jahrhundertelanger Zugehörigkeit zum Amtsoberamt Stuttgart wurde die Gemeinde Scharnhausen 1938 dem Landkreis Esslingen zugeschlagen.

Im 18. Jahrhundert ging Scharnhausen in die Landes- und Kulturgeschichte ein: Hier wurde 1739 der Pfarrer und Erfinder Philipp Matthäus Hahn geboren. 1784 ließ Herzog Carl Eugen nahe beim Dorf ein kleines Lustschloss errichten, dessen Park die württembergischen Könige später zu ihrem Privatgestüt ausbauten.

Dessen ungeachtet blieb Scharnhausen ein armes Bauerndorf. Not- und Mangelwirtschaft bestimmten den Alltag. Schuld an dieser Situation hatten vor allem die kleine Gemarkung, die recht hohen Abgaben sowie die ungünstige Siedlungssituation an den Hängen des Körschtales mit seinem schwer bebaubaren Knollenmergel.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Industrie im Neckartal. Auch viele Bürger aus Scharnhausen machten sich auf den täglichen langen Fußmarsch zu den Fabriken. Außer der Landwirtschaft und den althergebrachten dörflichen Handwerksberufen bot Scharnhausen selbst nämlich keine Arbeitsplätze.

Als 1929 die Straßenbahn END nach Neuhausen verlängert wurde, erhielt endlich auch Scharnhausen eine Schienenverbindung zur Industrie in Esslingen. Erst ab den 1960er Jahren zeugten wachsende Gewerbeflächen von einem sprunghaften wirtschaftlichen Aufschwung. Hatte Scharnhausen gegen Ende des 19. Jahr-hunderts noch rund 1.100 Einwohner, so wohnten hier im Jahr 2000 rund 4.500 Menschen. Seit 1975 ist Scharnhausen ein Stadtteil von Ostfildern.


 Zur Geschichte des Gemeindearchivs Scharnhausen

Über die frühe Geschichte des Scharnhausener Gemeindearchivs ist wenig bekannt. Frühe Archivinventare aus dem Jahr 1729 und 1811, die 1971 noch verzeichnet wurden, sind heute nicht mehr vorhanden. Kreisarchivpfleger Wilhelm Böhringer hat aufgeführt, welche 1729 noch vorhandenen Archivalien im Jahr 1971 nicht mehr auffindbar waren: Dabei handelte es sich um zwölf Urkunden aus dem Zeitraum 1476-1621 und acht Bände aus dem Zeitraum 1584-1650, u.a. Inventuren und Teilungen, Steuerbücher sowie ein "Weg- und Stegbüchlein des Fleckens".

1888 wurde laut Gemeinderatsprotokoll vom Ruggericht festgestellt, dass die Neuordnung der Ortsregistratur notwendig sei. Hierfür wurde Verwaltungsaktuar Fauser aus Kemnat gegen Bezahlung des gesetzlichen Tagegelds verpflichtet.
 
1925 wurde anlässlich der Gemeindevisitation der Zustand der Gemeinderegistratur erneut bemängelt. Da es in der Kasten-Fach-Faszikel-Ordnung an Unterbringungsmöglichkeiten fehlte, wurde beschlossen, in den bestehenden Aktenschrank neue Fächer einzubauen und zusätzlich einen neuen "Kasten" zu beschaffen. Auch sollten von der Formulardruckerei Salach einheitliche Umschläge bezogen werden.

Das Innenministerium schrieb 1934 per Erlass den einheitlichen Flattich-Aktenplan für alle Gemeinden vor. Im Januar 1935 konnte der Bürgermeister dem Amtsoberamt vermelden, dass die Rathausregistratur nunmehr nach dem Flattichplan eingerichtet sei. Weitere Ordnungsarbeiten verzögerten sich durch den Umbau des Rat-hauses. 1936 berichtete Bürgermeister Frauer, die Neueinrichtung der Registratur sei noch im Gange.

1938 nahm die Gemeindeverwaltung Kontakt mit der württembergischen Archivdirektion auf. Es ging damals einerseits um die fachgerechte Aktenausscheidung in Folge des Ministerialerlasses vom 15.10.1937.  Andererseits lag der Archivdirektion auch der "Archivalienschutz" am Herzen, sofern es sich um erhaltenswertes Archivgut handelte. Auf dem Scharnhauser Rathaus wurde ein nicht überliefertes Verzeichnis der "vorhandenen wichtigen Akten" angefertigt. Kurze Zeit später erstellte man ein Verzeichnis der auszuscheidenden Akten und Bücher. Die Archivdirektion bewertete die Unterlagen anhand des Verzeichnisses und gab neben zahlreichen Bänden und Rechnungen die Zwangsvollstreckungsakten, Feuerversicherungsakten und Einkommensteuerakten zur Vernichtung frei.

Kreisarchivpfleger Wilhelm Böhringer brachte das Gemeindearchiv im Jahr 1959 nach eigener Aussage in eine "schöne Ordnung" und erstellte ein 26-seitiges Findbuch der Urkunden, Bände, Akten und Karten. Das Archiv war damals teilweise auf dem Dachboden, teilweise im Altregistraturraum des Rathauses untergebracht. Hierfür wurde ein neues Regal angefertigt. Aus räumlichen Gründen war es Böhringer allerdings nicht möglich, die gesamte Altregistratur in die Verzeichnungsarbeiten einzubeziehen. Die jüngeren Akten wurden zunächst in ihrer Ordnung nach dem Flattichplan belassen.

Das Gemeindearchiv war vor 1970 laut Gemeinderatsprotokoll "mangelhaft" auf dem unisolierten Dachboden des Rathauses untergebracht. Ein Teil der Altregistratur lagerte nun im früheren Backhaus neben dem Rathaus, wo die Feuchtigkeit den Unterlagen sehr zusetzte. Um die Lagerung des Archivguts zu verbessern, wurde das Archiv 1971 in einem eigens hergerichteten, ca. 43 qm großen Raum im Dach-stock des Alten Schulhauses in Stahlregalen neu aufgestellt. Ebenfalls 1971 konnte Archivpfleger Wilhelm Böhringer seine erneuten Ordnungs- und Verzeichnungsarbeiten beenden. Ein neues Findbuch wurde erstellt, das in seinem Vorwort wichtige Erläuterungen zur Geschichte des Scharnhauser Gemeindearchivs und seinen Beständen macht. Durch Übernahmen aus der Registratur hatte sich der Umfang von zuvor 59 Regalmeter auf nunmehr 86 Regalmeter erhöht. Der verzeichnete Aktenbestand selbst umfasste 16 lfd. Meter. Böhringer stellte fest, dass das Gemeindearchiv Scharnhausen nach dem Gemeindearchiv Bernhausen das Umfangreichste im Landkreis Esslingen sei.

Nach dem Vollzug der Gemeindereform im Jahr 1975 wurde aus den Archiven der ehemals selbständigen Gemeinden Kemnat, Nellingen, Ruit und Scharnhausen das Stadtarchiv Ostfildern konstituiert. Die selbständigen, unvermischten Bestände der Gemeinden lagerten nun im Untergeschoss des Hallenbades Ruit.

In den Jahren 1981-1985 ordnete und verzeichnete das Kreisarchiv Esslingen unter Dr. Christoph J. Drüppel u.a. die Rechnungen sowie die Bände des Bestands Scharnhausen. Die nicht von Wilhelm Böhringer verzeichneten Aktenbestände konnten damals jedoch nur nach den Aktenplänen geordnet, jedoch nicht archivisch verzeichnet werden. 

Mit der Einrichtung des Stadtarchivs in einem eigenen Gebäude im Nellinger Kloster-hof im Jahr 1991 konnte das Archivgut sachgerecht und benutzerfreundlich untergebracht werden. Seit 1992 ist die Stelle eines Stadtarchivars besetzt.


Der Aktenbestand Scharnhausen

Die Verzeichnungsarbeiten wurden im Zeitraum zwischen Februar 2001 und April 2003 von Stadtarchivar Jochen Bender und Karin Hermann durchgeführt.

Der gesamte Aktenbestand der selbständigen Gemeinde Scharnhausen bis 1974 umfasste vor der Verzeichnung insgesamt rund 40 lfd. Meter. Nach Abschluss der Verzeichnungsarbeiten ist der Aktenbestand Scharnhausen nun auf 36 lfd. Meter untergebracht. Die Reduzierung um zehn Prozent ergab sich aus der Aussonderung von Dubletten und der besseren Verpackung der Akten.

Bei der Verzeichnung wurden aus Gründen der Benutzerfreundlichkeit vier Aktenschichten zusammengeführt: Die von Wilhelm Böhringer verzeichneten Akten waren die älteste Schicht. Hier fanden sich Akten zwischen 1652 und 1966, wobei der Schwerpunkt auf der erste Hälfte des 20. Jh. lag. Neben diesen verzeichneten Akten gab es eine frühe Aktenschicht nach dem Flattichplan aus den Jahren 1910-1955, eine neuere Flattichregistratur aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg sowie eine nach dem Boorberg-Aktenplan geordnete Registratur der Jahre 1965-1974. Um den Entstehungszusammenhang zu dokumentieren, wurden immer sämtliche alte Registratursignaturen verzeichnet. Maßgeblich für die Zuordnung von Flattich- und Boorbergsignaturen war die im Jahr 1965 von Werner Frank zusammengestellte Aktenplan-Gegenüberstellung des Boorberg-Verlags. Akten ohne Registratursignatur und Akten der Boorberg-Schicht, deren Titel im Flattich-Aktenplan noch nicht berücksichtigt waren, wurden nach thematischen Kriterien in die Systematik des alten Aktenplans eingeordnet.

Die frühe Flattichregistratur war zwar grob nach dem Aktenplan geordnet, jedoch nicht mittels Aktendeckel in einzelne Aktentitel unterteilt. Die ursprünglich verwendeten vorgedruckten Aktendeckel waren beim Anlagen der Nachkriegs-Aktenschicht aus Sparsamkeitsgründen entnommen worden und für die neuen Akten gebraucht worden. Es galt also zunächst, die ursprünglichen Aktenbüschel zu rekon-struieren und neu zu formieren. Die Nachkriegs-Flattichregistratur sowie die Boorberg-Schicht waren in geordnetem Registraturzustand.

Bei den Verzeichnungsarbeiten konnte in der Flattichsignatur 5057 (Schülerspeisung) ein Aktenbüschel "Nebenregistratur 1948-1950" mit Dokumenten verschiedensten Inhalts gefunden werden. Diese fünfte, allerdings kleine Aktenschicht wurde größtenteils der neuen Archivsignatur SA 50 (Angelegenheiten der Gemeindeeinwohner) zugeordnet.

Das Archivgut wurde bei der Verzeichnung in säurefreie Umschläge gelegt und von Büroklammern befreit. Auf die Entfernung von Heftklammern wurde verzichtet, da hier auch bei den ältesten Schriftstücken keinerlei Rostbefall zu erkennen war. Der Arbeitsaufwand konnte somit deutlich reduziert und Beschädigungen der zum Teil fragilen Papiere beim Entklammern vermieden werden.

Für die Ordnung der Faszikel ist in der Regel der Flattich-Aktenplan in der 5. Auflage von 1955 maßgebend. Die angegebene alte Registratursignatur (A. R.) kann sich - ohne dass dies vermerkt ist - je nach Laufzeit der Akte auch auf eine frühere Auflage des Flattich-Aktenplans beziehen. Es ist im Findbuch diejenige alte Registratursignatur angegeben, die auf der Akte angegeben war, auch wenn die Registratursignatur ersichtlich falsch vergeben wurde. Die Einordnung der Archivalien in die Systematik fand bei falsch vergebenen Registratursignaturen jedoch nach dem Aktentitel bzw. nach dem Akteninhalt statt.

Ein kleinerer Teil der Unterlagen befand sich in einem schlechten Ordnungszustand. Als Beispiel seien die Akten zum Bau der 1974 eingeweihten Körschtalhalle genannt, deren Umfang vor der Verzeichnung etwas mehr als einen laufenden Meter umfasste. Hier waren die meisten Unterlagen nicht thematisch geordnet, sondern ungeordnet in Kartons abgelegt. Es wurde, wenn überhaupt, für das gesamt Projekt ein einziges Aktenzeichen vergeben. Handakten und Weglegeunterlagen waren vermischt mit Registraturakten, so dass es zahlreiche Arbeitsstunden in Anspruch nahm, um die Unterlagen in eine sinnvolle und transparente Ordnung zu bringen. Hier zeigte sich das Phänomen, dass die kleine Gemeinde Scharnhausen erstmals mit einem komplexen Großprojekt konfrontiert war, bei dem die Gliederung des Aktenplanes nicht ausreichte. Zudem stand der Vollzug der Gemeindereform vor der Tür: Es ist zu vermuten, dass in jenen bewegten Tagen die Arbeitszeit für eine sinnvolle Ordnung des Schriftguts nicht zur Verfügung stand.

Bei Unterlagen aus den 1930er-Jahren fällt auf, dass Briefpapier verwendet wurde, bei dem die ersten drei Ziffern der Jahreszahlen (193) bereits vorgedruckt waren. In den abgelegten Durchschlägen ist daher nach Tag und Monat nur die letzte Ziffer der Jahreszahl mit Schreibmaschine getippt. Beispielsweise ist das Datum "4. Januar     8" daher als "4. Januar 1938" zu lesen.

Um den Akteninhalt präziser zu beschreiben, als dies ein Aktentitel vermag, wurden zahlreiche Intus-Vermerke ("Enth[ält]:" und "Darin:") verwendet. Aufgrund der von Findbuch zu Findbuch unterschiedlichen Handhabung der Begrifflichkeiten sei deren Verwendung in diesem Findbuch kurz erläutert: Beide Vermerke bezeichnen stets einen Teilinhalt der Archivalie. Der Gesamtinhalt der Archivalie wird also auch bei der Verwendung von Intus-Vermerken in aller Regel vom Aktentitel selbst beschrieben. "Enth.:" verweist auf einen Teilinhalt, den man hinter dem Aktentitel vermuten könnte, jedoch einer besonderen Erwähnung wert ist. "Darin:" bezeichnet einen Teilinhalt, der nicht als üblicher Bestandteil der Archivalie anzusehen ist und ausgehend vom Aktentitel deshalb nicht aufzufinden wäre.

Insgesamt weist der Aktenbestand Scharnhausen eine gute Qualität auf. Insbesondere ist für die erste Hälfte des 20. Jh. eine vergleichsweise hohe Informationsdichte zu konstatieren, die reichhaltiges Material für weitere ortsgeschichtliche Forschungen zu Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Nachkriegszeit bietet.

Das vorliegende Findbuch gibt nicht nur eine detaillierte Gesamtübersicht über den Aktenbestand der selbstständigen Scharnhausen, sondern ermöglicht den Benutzern auch eine zielgerichtete, zeitsparende und gleichzeitig umfassende Recherche.


Jochen Bender